Ode ans Flanieren, oder: Gewurschtelte Überlegungen zu “UTOPIA”

Am Freitag wanderte die OUTNOW!-Gemeinde zwischen Theater und Schwankhalle. Auch vom einsetzenden Regen ließ sich unsere Autorin nicht abhalten.

Flanierend wandern wir durch die Stadt,
Langsamkeit mit uns tragend,
eine Pflanze m Arm.

Mit dem alten Hollandrad an meiner Seite folge ich der Menge: durch die Mauer dann rechts, links, vorbei am See Richtung Damm. Wir flanieren, wie Walter Benjamin einst durch Pariser Passagen. Obwohl der Weg von Studierenden der Klasse Asli Serbest bestimmt wird, entwickelt die Masse bald ihren eigenen Rhythmus, animiert von der Musik aus den mobilen Boxen und eigensinnig vergnügt.

Die Flaneur*in ist „die Figur eine[r] Gehenden […], [die] sich in mußevoll-genießerischer, aber zugleich in abständig-kritischer Haltung durch […] [einen] Gesellschaftsraum bewegt“, erläutert Annika Wehrle in ihrer Ausführung über Passagenräume. Flanieren ist also nicht nur eine Fortbewegungsart, sondern vor allem eine Haltung gegenüber der Umwelt. Genießend und kritisch schlendert die Flaneur*in ziellos durch die Stadt. Das Planlose dabei ist tatsächlich der entscheidende Punkt: süffig schauend, ohne Eile streift sie umher. Und so auch wir.

Wie wir so den Deich entlangschlendern, dem wummernden Bass hinterher, fällt mir ein, wie in der italienischen Hafenstadt Salerno, die gewöhnliche Samstagabendunternehmung das genussvolle Entlanglaufen der Strandpromenade ist. Auf der gesamten Uferlänge der Stadt wird flaniert, auf und ab, ab und auf. Die Italiener*innen haben ein eigenes Verb dafür: »promanare« – „ausgehen, schlendern, lustwandeln“.

Auf dem Weg vom Theater Bremen zur Schwankhalle in der Neustadt streifen auch wir die Weser auf und wieder ab, Brücken passierend und Aufmerksamkeit auf uns ziehend. Wie Salernos Bewohner*innen flanieren wir, um alles und nichts zu sehen.

Während in der alltäglichen Fortbewegung routiniert möglichst schnell viel Weg zurückgelegt, oder die benötigte Zeit durch mobile Endgeräte besonders effektiv genutzt wird, widersetzt sich das Flanieren der systematischen Anforderung immer etwas tun zu müssen und verändert so Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Der Modus der Flaneur*in läuft Hand in Hand mit dem der Kunstbeobachter*in: beide kommen, um wahrzunehmen in und durch eine Form der Bewegung, und um durch Sehen und Bewegen zu interagieren – gut, dass wir gekommen sind, um beides zu tun.

(c) Cássia Vila