„Nur Goethe kaputt zu machen, war nie das Ziel.“

Max Schaufuß‘ „Faust“-Montage war die kontroverseste Inszenierung des Festivals. Im Interview spricht er über das Toxische im Klassiker-Kanon und wie er trotzdem ausgerechnet zum „Faust“ gefunden hat.

„Faust“ – der große, deutsche Klassiker! Wie kam es, dass ihr euch den zur Brust genommen habt?

Die Arbeit ist entstanden im Rahmen meines Regiestudiums an der Akademie für Darstellende Kunst Baden Württemberg in Ludwigsburg – als Abschlussarbeit. Es fing eigentlich so an, dass ich  vorsprechen ging und dachte, ich werde Schauspieler. Und dann habe ich diesen Monolog vorgesprochen, diesen berühmten Anfang: Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei, und so weiter. Und irgendwie hat mich das total angemacht auf eine Art. Da ist so ein Typ, der so viel weiß um die Welt und daran krankt, damit nicht klarkommt und da raus will. Und dann habe ich mir am Anfang des Studiums schon vorgenommen, diesen Text am Ende für meinen Abschluss zu bearbeiten. Und bin dann auf den zweiten Text gestoßen …

… Elfriede Jelineks „FaustIn and Out“. Ihr habt in eurer Inszenierung diesen Text mit Goethes „Faust“ verschnitten – warum?

Das war ganz interessant. In der Vorbereitung habe ich festgestellt, dass Jelinek dazu dieses Sekundärdrama geschrieben hat. Ihr Text beschäftigt sich ja vor allem mit dem Fall Josef Fritzl, ein Mann aus Österreich, der seine Tochter 24 Jahre lang in seinem Keller gehalten hat. Sie verbindet das dann irgendwie mit diesem Klassiker. Ich bin dann ein Stück weit weggekommen von der Geschichte des Faust, dieses Wissenschaftlers, vom Zustand, in der Welt zu sein und nicht zurecht zu kommen. Durch „FaustIn and Out“ hat sich die Perspektive verschoben und auf einmal war interessant, was eigentlich mit diesen Frauenfiguren passiert, was mit Gretchen passiert. Wozu sie benutzt wird. Bei Jelinek ist sie dann eben die Tochter von Fritzl. Ich hatte auch vorher schon ausprobiert, sehr verschiedene Texte zu kombinieren. Es ist eine Arbeitsweise, die mir total gut gefällt. Man wird selber Autor seines Stückes.

Das verrät ja auch der Untertitel „Montagearbeit am Deutschen Klassiker“ – was demontiert werden soll, kann man sich vielleicht schon denken: Das Patriarchat oder viel mehr die toxische Männlichkeit. Gibt es auch aufbauende Gegenentwürfe?

Nee, gar nicht, zumindest haben wir uns das nicht bewusst zum Ziel gesetzt. Wenn sie jemand entdeckt, bitte gern Bescheid sagen! Es gibt bei uns keine Gegenwelt, keine Utopie. Es ist im Grunde eine Ausstellung von Furchtbarkeiten, die alle mit Männlichkeit zu tun haben. Ob das nun die Art ist, wie Goethe seinen Text geschrieben hat, oder wie Josef Fritzl mit seiner Tochter umgeht.

Hier der herrschende Mann, dort die Frauenfigur als Projektionsfläche oder Opfer – das ist in der Regel das, was man im klassischen Stückekanon vorfindet. Können wir uns diesen Erzählungen heute eigentlich nur noch über ihre Dekonstruktion annähern?

Ich weiß nicht, ob man das allgemein sagen kann. Persönlich habe ich tatsächlich große Probleme mit diesem Stückekanon. Für mich kann ich sagen, dass mich die meisten Texte nicht interessieren und ich auch kein Interesse habe, sie auf die Bühne zu bringen. Es gibt trotzdem sicherlich Möglichkeiten, damit umzugehen – mit Gender-Switch zum Beispiel. Wir dekonstruieren den Text auf eine Art, möchten aber durch die Kombination mit anderen etwas Neues zusammenbauen. Nur Goethe kaputt zu machen, war nie das Ziel.

Die Fragen stellte Lena Meyerhoff.

Foto (c) Philip Henze