Editorial

Fünf Mitglieder der Blog-Redaktion stehen vor dem Theater Bremen, die Bilder der anderen sind als Poster in das Bild montiert.

Schwankhalle. Wir stehen im Regen, wir trocknen uns. Wir testen uns, wir begrüßen uns.

Theater Bremen. Wir richten uns ein – Kaffemaschine, Laptops, Drucker. Wir grübeln. Wir suchen nach einem Verlängerungskabel. Das wird ein langer Abend. Das werden vier kurze Tage. Wir haben Fragen. Wir wollen ins Theater, vielleicht wollen wir ein anderes Theater. Wir wollen wissen, wie das geht. Ja, wir wollen ins Theater, aber dabei sitzen wir eigentlich schon in einem. Weit weg von der Bühne allerdings. Wir haben uns im dritten Stock eingerichtet, zwischen ungebrauchten Requisiten und leeren Kleiderstangen. 

Unser Theater wartet hier, abseits der Bühne, auf dem Bildschirm.

Unsere Social Skills sind im ersten Moment bei null, ein vorsichtiges Rantasten. Doch das ist ok, das ist wirklich ok, denn anderen Menschen geht es auch so. Nach über einem Jahr – gemeinsam Performances ansehen, gemeinsam darüber reden und das dann mit Menschen teilen. Eröffnung, Zoom. Begrüßungen online sind noch immer Begrüßungen – hallo! Der Kopf brummt, der Kaffee tropft, die Sonne kommt kurz raus – das Festival beginnt. 

Wie kann ein Theater-Festival aussehen, wenn jede*r alleine vor dem Bildschirm sitzt? Wie fühlt sich Theater dann an? Was fehlt und was wird vielleicht gewonnen? Wie verändert sich unser Blick auf das, was wir sehen? Und wie können wir darüber schreiben? Das, was auf der Bühne passiert, sehen wir durch eine Kamera, sehen wir über einen Stream, auf einer weißen Wand, der Beamer ist an. Wie würde sich das Gesehene anfühlen, wenn wir es live vor Ort sehen könnten?

Dabei sind wir vor Ort. Das erste Mal wieder aufeinander zugehen. Wie geht das nochmal?

Melancholische Melodie und maschinelles Atmen mischen sich, die Figuren auf der weißen Wand bewegen sich. Die erste Performance des Festivals. Es riecht nach gebackenem Ziegenkäse, dazu gibt es Coleslaw – amerikanischer Krautsalat. Wir essen. 

Und im Hintergrund drängeln schon die großen Fragen unserer nächsten Tage: Es ist nämlich gar nicht so klar, was das eigentlich für uns heißt: Netzjournalismus. Oder: Geht sowas wie objektive Kritik überhaupt, wenn wir als Blogger*innen selbst mit an Bord sitzen, weil wir zum Festival gehören? Wie es um die Kritik steht, ist ja auch unter Normalbedingungen schon schwer zu fassen. Manche sagen ja, sie sei historisch und längst erledigt. Aber was kommt dann? Also was kommt nach der Kritik?

Aber bevor wir darüber reden: Was kommt davor? Hier sind’s erstmal nachgelieferte Verlängerungskabel, und jede Menge Rückkopplungen zwischen zu vielen zoomenden Rechnern im Redaktionsraum.

Wir arbeiten dran. Und an die größeren Fragen geht es dann ab morgen.

Anna Maria Zimmermann, Jan-Paul Koopmann, Julia Gudi, Lea Terlau, Lina Kordes, Mareike Rabea Knevels, Şeyda Kurt, Tina Waldeck