Alexa und die Einsamkeit im Tiny House

Eine finnische Sauna, darin Alexa, die einem*r jeden Wunsch erfüllt. Im Internet lässt sich alles bestellen, was es so gibt auf dieser Welt. Außer das, was man braucht. In FINNISCH von Jacqueline Reddington lebt Schauspieler Olaf Becker in einem kleinen, schmucken Häuschen mit großem Fenster, durch das das Publikum in seine (Innen-)Welt hereinblicken kann. Sind die Jalousien geschlossen, ermöglichen Kameras, die aus mehreren Perspektiven Bilder im Hausinneren einfangen, den Blick ins scheinbar Verborgene. In FINNISCH blicken die Zuschauer*innen durch ein Vergrößerungsglas auf das Leben eines Mannes, der in seinem winzigen Haus auf ein Paket wartet. Auch das Publikum erwartet das Paket schnell sehnsuchtsvoll und lauscht andächtig dem Sendungsstatus, der von Alexa alle zehn Minuten aktualisiert wird. Denn, mit Ausnahme von der explizit im Digitalen existierenden Superwoman Alexa, hat der Mann nur mit wenigen Frauen Kontakt. Schnell wird klar, dass die Postbotin eine potenzielle Geliebte sein kann – sie und ihr wunderschönes Lächeln will er mit der Übergabe des Pakets für sich gewinnen. Verzweifelt startet er mit der optimalen Vorbereitung dieses Plans, es verbleiben 50 Minuten.

Doch anstatt sich wahrhaftig mit seiner Einsamkeit auseinanderzusetzen und sich mit der Außenwelt zu konfrontieren, tritt der Mann physisch und psychisch nur virtuell über die Grenzen seiner Komfortzone. Im Internet flaniert er, im Gegensatz zum real life, ungehemmt umher. So beobachten die Zuschauer*innen, wie Becker zwischen Rankings von Hotels in der Türkei, Rezensionen über Amazon- Bestellungen von Coca Cola (Kohlensäure war bei Lieferung nicht mehr gewährleistet, so sad) oder Bestellungen auf Sexportalen umherswitcht. Im virtuellen Raum zeigt er keine Hemmungen. Ansonsten sieht man jedoch einen Mann, der in seinem finnischen Tiny House im puren Selbstzweifel Outfits wechselt um der Postbotin ein optimales Gegenüber zu präsentieren – was er niemals erreichen wird.

Denn ob im Rennfahreroutfit, im spießigen Tennisdress oder als Oktopus mit Fangarmen auf seinem Kopf, von der Einsamkeit in seinem Leben wird ihn kein Klick wahrhaftig erlösen können. Den seelischen und räumlichen Zustand vollster Verzweiflung zeigt Becker von Anfang an sehr deutlich auf.

Irgendwann schalte ich deswegen als Zuschauerin diese emotionale Dauerschleife ab, während es auf der Bühne weiter flimmert. Anstelle mich selbst miteinzusumpfen, zoome ich mich aus dem Text heraus und lasse mich von der abgefahrenen Ausstattung der Bühne von Louis Panizza, den fantastischen Kostümen von Ji Hyung Nam und den beeindruckenden Videos von Leo Schulz aufsaugen. Auf die Frage danach, ob Alexa als ultimative virtuelle Verkörperung der Verheißungen des Internets Einsamkeit mindern kann, gibt es in FINNISCH eine sehr klare Antwort. Ob mit einer digitalen Frau im Tiny House, mit einer fiktiven Liebhaberin im Baumarkt, oder allein und nackt im Obstbuffet: Einsam ist einsam, einfach einsam.