Wenn Rassismus im Pyjama kuschelt

Die rassismuskritische Performance „Team Soft“ beschloss am Montagabend das OUTNOW!-Festival mit einer satten Provokation. Denn aus dem Saal geworfen wird man im Theater schließlich nicht alle Tage. Stoff also für reichlich Diskussionen.

VON KATJA ZELLWEGER I Eigentlich sollte das Stück „Selflove“ heißen. Das hätte wirklich gut gepasst zu diesem Abend voller rosa und blauer Kissen, Best-friends-forever-Gekicher, Tagebuch-Lesungen, Unterhosen und Sätzen, die mit “Also ich“, “Ich“ und “Mich“ beginnen. “Team Soft“, wie die Abschlussperformance von Akkoyun / Kloth / Peters / Riebensahm / Riebensahm / Zimmermann beim Bremer OUTNOW!-Festival nun schließlich hieß, hat nämlich eine selbstverliebte Nabelschau in Form einer Pyjamaparty gezeigt. Das muss nicht an sich verkehrt sein, nur: Ging es den beiden Performerinnen auf der Bühne nicht eigentlich um Rassismus? Herausgekommen ist ein Abend, der viele Befindlichkeiten jenseits davon aufzeigt. Denn irgendwie wollen sie einfach auch nur kuscheln. Ja, kuscheln. Das ist die erste Ansage ans Publikum von Jana und Nadiah – erstere dünn und weiss, die zweite laut eigener Aussage mit “dickem, braunen Körper“ – die das Publikum im aufgesetzt süssen Pyjamapartylook begrüßen.

Permanentes Schlingern

Den großen, fetten Elefanten im Porzellanladen namens Rassismus auszuklammern oder gar zu überwinden, das ist nach wie vor unmöglich. Er hat als Thema auf Bühnen, die nach wie vor Blackfacing anwenden oder Racial Profiling beim Casting betreiben, seine Berechtigung und Dringlichkeit. Und man kann es auch einmal mittels Kissen-Albereien, Taschenlampen-Gekreische und Wahrheit-oder-Pflicht-Geplänkel zwischen Jana und Nadiah thematisieren. Das Problem dabei ist, dass der Grat zwischen der wichtigen Diskussion über Rassismus und den banalen Freundschaftsdynamiken, den persönlichen Befindlichkeiten sehr schmal ist. Permanent schlingern die Performerinnen hin und her. Man ist sich nicht wirklich sicher, ob das ein gewollter Effekt sein soll. So zeigen die zwei Frauen zum Beispiel in kurzen Momenten echte Vertrautheit, zum Beispiel wenn sie über einen Rülpser laut lachen. Dann wieder predigt Jana heilig und semi-ironisch über “Practicing radical selflove“, Ernährung und Yoga, woraufhin sich Nadiah unter der Matratze versteckt und aus dem Tagebuch vorliest: “Ja, Depression immer noch da. Kapitalismus auch. Schade eigentlich.“

Mal über den Matratzenrand schauen

Dann erlebt man Stellen, die das am eigenen Leib erfahrene Rassismusproblem dringlich aufführen: Wenn Nadiah schildert, wie sie nach ihrer „Stammeszugehörigkeit“ befragt werde und wie sie keine Lust dazu hat, auch auf den aversiven Rassismus ihrer Freundin aufmerksam zu machen. Darum wird der Umkehrversuch vollzogen: Alle Weißen sollen den Saal räumen, damit sich die “people of colour“ alleine eine gute Zeit machen können. Ein performativer Schuss in den Ofen: Am Ende bleibt eine Handvoll Zuschauer*innen allein im Saal sitzen und dürfte sich ziemlich blöd angestarrt fühlen. Das und auch der Ratschlag der Performance, Rassismus mit dem gestreckten Mittelfinger zu begegnen, sind letztlich (gut gemeinte) Gesten der Hilflosigkeit. Vielleicht hätte ein Blick über den Matratzenrand hinaus nicht geschadet.