„Thaeter“: Under Construction

Zweiter Teil des Eröffnungsabends bei OUTNOW!: Nir Shauloff und Jan Philipp Stange verweisen mit Brechts theatraler Bedienungsanleitung „Der Messingkauf“ auf eine neue Art des Theaters, unterhalten im Wohlfühlmodus und lassen den Zuschauer doch ein wenig verloren zurück.

VON NANE KRÜGER I Leichte Enttäuschung vorweg: Ausgerechnet dieses Mal kann „Combina“ leider nicht ganz so gezeigt werden kann, wie es ursprünglich geplant war, erklärt Jan Philipp Stange. Während sonst so oft verschnupfte Schauspieler Schuld an Umdisponierungen sind, gabs bei Shauloff und Stange gleich mehrere unglückliche Umstände. Stange kann das aber nicht die Laune verhageln, führt er doch trotzdem in bester Tourguidemanier zur Bühne und hat so bereits vor der Tür den Versuch gestartet, mit dem althergebrachten Theaterreglement zu brechen. So wird anstelle von starrem Bühnenwerk eher auf das von Brecht beschriebene After-Show-Feeling gesetzt, in dem die Mitwirkenden sich und ihre Inszenierung vorstellen. Scheinbar erzählen hier fünf Freunde ihre persönlichen Pleiten, Pech und Pannen beim Versuch, einen Theaterabend auf die Beine zu stellen.

Aber: Ist das wirklich so passiert? Wann hört das Vorgeplänkel auf, wann beginnt das Stück? Was können wir den sympathischen Bühnengestalten glauben, die uns Huckepack in Brechts „Messingkauf“ tragen? Die beschreiben, was es hier zu sehen geben könnte und gleichzeitig privat aus dem Nähkästchen plaudern. Die säckeweise Knauf-Gips auf die Bühne hieven und darüber zum Thema deutsch-israelische Beziehungen führen. Die einer Bremer Tänzerin aus Taiwan das Bein brechen, weil für irgendwas der ganze Gips doch gut sein muss – und sei es zur imaginären konservativen Frakturbehandlung.

Für ein „Thaeter“ der Verfremdung

Auf Seiten der Zuschauer entsteht dabei immer wieder dieses wohlige Mittendrin-Gefühl, das man im Theater eher selten und wenn, weniger intensiv, erlebt. Hier wird vermeintlich ein Blick hinter die Kulissen gewährt und selbst die Dramaturgin (Adi Chawin) ausdruckstanzt noch über die Bühne. Dass das Vorwissen zum „Messingkauf“ wohl allenthalben begrenzt ist, kann da nur helfen. Brechts Philosophenfigur (Heiko Stubenrauch) darf einspringen und das Fragment immer wieder ein „Requiem“ nennen. Ein Requiem auf das Theater selbst. Der Philosoph fordert stattdessen ein „Thaeter“ der Verfremdung, das Akteure und Zuschauer aus ihrem gewohnten Trott reißen soll.

Allerspätestens jetzt merken auch die Zuschauer, dass dieses „Thaeter“ hier schon begonnen hat. Man nimmt nicht mehr alles als gegeben hin, was die Spielenden sagen. Die Beteiligten stellen sich und ihre Geschichten mit gekonntem Pokerface (und manchmal auch mit dem Gummihammer) selbst in Frage. Gleichzeitig wird auch das Bühnenbild dekonstruiert: Der Fünfte im Bunde (Sagie Azoulay) baut alles hier stumm und stoisch ab, bis nur noch ein kleines Expertenpodium mit Lavalampe, Glastisch und Stahlrohrstühlen à la Marcel Breuer übrig bleibt. In diesem Ambiente, das wohl jeden verstaubten Literaturzirkel blass vor Neid werden ließe, kann man auch mal im Stile ungeliebter Diavorträge referieren.

Am Ende ein Nachtspaziergang

Als Zuschauer schwankt man zwischen vorschnellem Durchschauen und totaler Verwirrung. Da kommt eine kleine Mittendrin-Fragestunde gerade recht, bei der das Licht gedämpft und die schmale Grenze zwischen Bühne, Spielenden und Auditorium noch weiter verwischt wird. Zum Glück kehrt in der zweiten Hälfte ein wenig vom wohligen Zauber zurück: Nir Shauloffs tanzt bis zur völligen Erschöpfung im Kostüm einer Trompete, die bei Brecht nur wegen ihres Messings, also ihres Rohmaterials gekauft werden soll und damit als Metapher für einen neuen Blick aufs Theater dient. Und am Ende werden alle Anwensenden noch zum Nachtspaziergang geladen: Raus aus dem Theater, hinein in die Welt, hinunter zum Weserstrand. Etwas verloren steht man auf der grünen Wiese, wurde gut unterhalten, hat sich überraschend beflügelt gefühlt und nun ist da dennoch ein flaues Gefühl im sonst so sicheren Theatermagen. Man wurde verführt und wird nun allein gelassen. Aber ob dieses Gefühl ausreicht, um das Theater neu zu denken? Fraglich. Dafür war dieser Abend zu schön.

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