Die Kinetik des Widerstands

Mit ihrem vielstündigen Durchhalte-Exzess „Chaosgeräusche“ spielten Hysterisches Globusgefühl am Sonntagabend die Schwankhalle leer. Gesammelte Kurzkritiken aus der Blog-Redaktion.

VON KATJA ZELLWEGER I Sie drehen sich im Kreis und die Welt tut es auch. Um Fragen nämlich zur Gerechtigkeit, gesellschaftlichen Regeln, Machtverhältnisse und Weltverbesserung. Das läuft mindestens schon seit Antigones Suizid so. Die ewige Dialektik, die ewige Empörung ist zum “Chaosgeräusch“ in unserem Bewusstsein geworden. Was hilft? Ein meditatives Gummiknüppel-Orgien-Konzert. Tatsächlich. Denn es gibt ja noch Punks oder die Performer von Hysterisches Globusgefühl, die mit ihrer Performance “Chaosgeräusche“ erstaunlich beruhigende Wirkung entfalten. Ihre abstrahierten Gesten des Widerstands entwickeln dabei plötzlich sedierendes Potential. Die popkulturell beglitzerten und antik-ironisch behörnten Bacchant*innen schaffen sich erst schreiend, dann singend, dann musizierend und leckend eine eigene Haltung von Punk, vom „Egal des Daseins“, das zunehemend auch auf die Zuschauenden überschwappt.  Zuvor aber bieten sie dem Publikum die Möglichkeit zur Selbstbestimmung: “Geht dann nach Hause, wenn ihr das Gefühl habt, zu verstehen, worum’s geht.“ Wunderbar, sinniere ich auf dem Heimweg. Bis ich merke, dass ich zu lange im Kreisverkehr gefahren bin und mich verfahren habe.
– Gegangen um 00:10 Uhr.

 

VON EVA STEFFGEN I In ihrer ewiglangen Performance „Chaosgeräusche“ steigen Hysterisches Globusgefühl von der Straße auf die Bühne und hinab in die Grabkammer Antigones. Das Publikum entscheidet sich, ihnen zu folgen, in den dunklen Raum, die Utopie, das Gefängnis. Wir sind gemeinsam gefangen, jetzt bin ich, sind wir, sind sie Antigone und es gibt nur einen Ausweg aus dem Grab. In unserer eigenen Unterwelt demonstrieren und verlieren die Performerinnen immer wieder. Immer wieder frönen sie polyamorösen Orgien, immer wieder sind sie Antigone und verstehen nichts. In der Welt muss der Bruder bestattet werden, hier kämpft jede*r für sich alleine, bis alles verstanden worden ist. Nur wenn klar ist, worum es geht, darf das Publikum gehen. Wir wissen, es gibt einen Ausweg aus dem Grab, aber den müssen wir alleine finden. Am Ende kommt die Lethargie, es wird nicht mehr sein wie davor.
– Gegangen um 02:14 Uhr.


VON KATHARINA MÜHL
I Hysterisches Globusgefühl beschreiben ihre Performance „Chaosgeräusche“ so: „Alles was wir machen, ist krass.“  Etymologisch hergeleitet bedeutet krass „grob“ und „grässlich“. Perfekt. Das einzige Ziel dieser Open-End-Vorführung: Rebellion. Wogegen ist dabei egal. Da wird das Problem Donald Trump mit Monogamie und den sexy Mamis im Szenekiez in einen Satz gepackt. Was falsch sein soll an Yoga und Globuli, wissen die Performer selbst nicht. Egal, Hauptsache Rebellion. Erlaubt ist dabei alles: Knutschen, grabschen, nackt sein, in Bier baden. Den willkommenen Anlass dazu bietet Antigone, weil auch sie Kreons Regel gebrochen hat. An diesem Abend verspeist sie die Leiche ihres Bruders aus Liebe. Rebellion gegen Sophokles‘ Inhalt. Ich rebelliere auch. Und zwar gegen diese nicht durchdachte Hau-Drauf-Show.
P.S. Nur auf den miesesten Partys muss man für’s Bier einen Euro zahlen.
– Gegangen um 22:45 Uhr.


VON NANE KRÜGER I Was bleibt einem in einer Gesellschaft, die zwischen veganer Sülze und Fremdenfeindlichkeit scheinbar keine geistig gesunde Mitte mehr findet, anderes übrig, als ein grün coiffierter Punk zu werden? Eine Möglichkeit scheint noch die Profession des Performers zu sein. Dieser gehen die Mitglieder von Hysterisches Globusgefühl nach und wechseln dabei zwischen (gar nicht so ungeordneten) „Chaosgeräuschen“, einstudierter Protestchoreografie und freiem Liebesspiel im Bierpool hin und her. Dabei verliert man sowohl sich als auch die gerade noch so konkreten und zahlreichen Themen irgendwann im Kreise der leicht variierten Wiederholungen. Antigone und Inzest trifft auf Trump und Bigotterie. Und: Je länger die ganze Nummer dauert, desto mehr rutschen Zuschauer und Performer in einen entspannt-verspielten geistigen Zustand, der an eine Mischung aus Kindergeburtstag und Berghain, sonntags um 17 Uhr, erinnert.

– Gegangen um 02:14 Uhr.


VON JANIS EL-BIRA I Nein, es ist nicht egal, dass man sich im Theater befindet. Auch wenn das die Mitwirkenden an diesem Abend noch so oft behaupten mögen. Es stimmt nicht. Im Theater darf zum Beispiel nicht geraucht werden. Das ist eine nicht unerhebliche Einschränkung für eine Performance, die sich so punkig-saumäßig lockermachen will wie „Chaosgeräusche“ des Kollektivs Hysterisches Globusgefühl. Rauchen also bitte nur vor der Tür, vor dem Theater. Drinnen, im Reich der brand- und nichtraucherschutzdiktierten Zwänge, herrscht dafür eine andere Art der Freiheit: Freiheit zum Selbstwiderspruch, zum verkürzten Antikebezug, zum Nacktplanschen im Bierpool, zur Relativierung der eigenen Standpunkte und zum musikalischen Dilettieren an Gitarre, Theremin und singender Säge. Hysterisches Globusgefühl machen das und sie machen noch mehr, viele Stunden lang, als wütend geloopte Lebensfeier mit kleinen Variationen. Ein toller Exorzismus gegen das Leiden an der eigenen Selbstverlogenheit zwischen linkem Aktivismus und leckeren Biosupermarkt-Avocados mit dem ökologischen Fußabdruck eines Smartphones. Heilung verspricht der ausperformte Aderlass: Widerstandsgesten als zielloser Leistungssport ohne Muskelaufbau und Fettverbrennung. Fallen, Aufstehen, Arsch zeigen. Bis alle keuchen und zittern. Dann beginnt die Schleife von vorn. Stoppen kann das nur, wer die Vorstellung verlässt. Das ist die Freiheit des Theaters.
– Gegangen um 02:00 Uhr.