Hinter tausend Stäben keine Welt

Der Choreograph Mathis Kleinschnittger entwarf sich am zweiten OUTNOW!-Abend mit „Grrr, I’m Dancing“ als Tanzbären im Korsett des Performance-Betriebs. Eine bissige Angelegenheit?

VON EVA STEFFGEN I Der Tanzbär wird durch Stehen auf heißen Platten oder Dressur dazu gezwungen, Zuschauer zu amüsieren. Tanzbären sind seit dem 20. Jahrhundert verboten, weil es Tierquälerei ist. Daraus zieht Tänzer und Choreograph Mathis Kleinschnittger am zweiten Abend des OUTNOW!-Festivals autobiografische Parallelen.

Der Beginn des Stücks scheint an die Inszenierungen des sehr gelungenen Eröffnungsabend des Festivals thematisch anzuknüpfen. Im Fluss der Choreografie, die mit typischen Posen aus Musikvideos anhebt, beginnt langsam die Transformation zum Tier. Kleinschnittger tigert an den imaginären Gitterstäben, die die Bühne und den Zuschauerraum zu trennen scheinen, hin und her, schreit und brummt. Er wiederholt und verändert, läuft vor und zurück, scheint die vierte Wand durchbrechen zu wollen, kann sich aber nicht aus seiner Gefangenschaft befreien. Ganz entfernt erinnert er damit an eingesperrte Raubkatzen, aber nur kurz. Dann wird vom Performer aus einer Plastiktüte ein aufblasbares Negligé mit Riesenbrüsten gezogen. Er trägt das Kostüm und die Tanzbewegungen finden noch einmal statt.

Einfach mal Stopp sagen

Nachdem er sich wieder herausgeschält hat, setzt er drei riesige Teddybären gewaltsam in der Mitte der Bühne in eine aufrechte Position. Kleinschnittger kauert sich in ihre Mitte und „zwingt“ die Plüschkameraden nun, Zärtlichkeiten mit ihm auszutauschen. Immer enger quetscht er die lächelnden Bärchen an seinem Körper, die dann mit ihm und im Vorgang der Transformation noch über die Bühne kullern müssen, bevor er sie in alle Richtungen wegschleudert und sich ganz seinem eigenen Bär-Werden widmet. Erst Peiniger, dann Gepeinigter. Und so steht er da vor dem Publikum: Der Tanzbär. Doch die Bewegungen verändern sich immer weiter, mal ist Kleinschnittger Tänzer, dann wieder das Tier, ein Hybrid, der keinen Ausweg zu kennen scheint? Doch. Kleinschnitter schreit STOPP. Das Licht ist aus, die Vorführung vorbei, gäbe es, wie in Irena Kukric Installation „Staging Absence“, einen Vorhang, würde er jetzt fallen.

No Means No

Damit entlässt „Grrr, I’m Dancing“ den Zuschauenden mit einem Stück zurück, das sich mit dem Zwang zum Tanzen und überhaupt allen Grenzen einer Autonomie des eigenen Lebens auseinandersetzen will. Aber woher dieser Zwang kommt oder wie die Parallelen zwischen Mensch, Tier und der Quälerei entstanden sind, bleibt doch sehr vage.

Wenn Kleinschnittger immer aufs Neue wiederholt und transformiert, dann sagt er damit: Wir müssen tanzen wie die Tanzbären. Die Momente, in denen der Zuschauende Möglichkeiten hat, Bilder zu erkennen und Assoziationen zu ziehen, sind allerdings kurz und lösen sich zu schnell wieder im Fluss von Kleinschnittgers Bewegungen auf. Eine klare Erkenntnis, warum der Tanzbär aus seinem Rapunzelschlaf geweckt wird, um auf der Bühne zu erscheinen, oder warum Frauen in dünnen Negligés für uns tanzen müssen, wird es an diesem Abend nicht geben. Sollen wir also ab jetzt Tanzstücke boykottieren? Hätten wir aus Protest gegenüber diesen prekären Verhältnissen den Saal verlassen müssen? Oder reicht es einfach, auch mal „Stopp!“ zu brummen? Klar, „No means no“, und für manche funktioniert das auch. Für viele, Tanzbären vor allem, aber nicht.