Glitzernd, trotz Leere im Kopf

Regisseur Mart van Berckel interpretiert Jean Genets Klassiker „Die Zofen“ als Fetisch-Show mit bitterbösen Folgen. Unsere Autorin fragt sich: Besteht dieser alte Baum denn nur aus Rinde?

VON KATHARINA MÜHL I Ob Aschenputtel, Cinderella oder Cendrillon, der Mythos der Märchenprinzessin ist allseits bekannt. Sie wird von ihrer Stiefmutter unterdrückt und ist somit die Magd der Familie, während ihre Schwestern hingegen auf luxuriöseste Weise verwöhnt werden. Bei „Play Maids“ ist es ähnlich, aber eben doch ganz anders. Madame, wie sie von Claire und Solange stolz genannt wird, lässt sich von den beiden hemmungslos bedienen. Dabei kann sie die beiden Blondinen im Partnerlook nicht einmal voneinander unterscheiden. Aber egal, wer von ihnen gerade vor der Gebieterin steht, darf ihr bestätigen, wie jung und schön sie ist. Dass Madame weder äußerlich noch innerlich sonderlich glänzt, scheint hier keinem aufzufallen. Trotz Leere im Kopf, glitzert ihr Haupt: der bunt gefärbter Irokese enthält auch eine silberne Partie. Doch nicht nur Madames Haare sind aus Edelmetall, auch die Brust der scheinbar Heiliggesprochenen ist aus Elfenbein, die Augen sind aus Perlen, der Nacken aus Diamanten und, last but not least, die Schultern aus Bronze.

Unbemerkter Selbstmord

Logisch also, dass die beiden Dienerinnen so sein möchten wie die Herrin: Oh schubidu, ich wär so gern wie duhu. Deswegen hyperventilieren sie fast schon vor Nervosität und Vorfreude, sobald Madame den Raum verlässt und ihnen damit die Chance gibt, in dem privaten Besitz der Herrscherin rumzuwühlen. Das sind nicht etwa Tagebücher oder derartiges, die die Gedanken der Bewunderten verraten, sondern hauptsächlich deren Kleider und Schminke.  Die Bewunderung von Claire und Solange zeigt sich nicht nur in hysterischem Kichern und dem ständigen Präsentieren der entdeckten Kostbarkeiten, sondern schlägt in Fetischismus um: Egal, was ihnen in die Hände gelangt, es wird abgeleckt, geküsst und liebkost. Als wäre es nicht schon Erniedrigung genug, sich derartig danach zu sehnen, einer Person ähnlich zu sein, für die man Luft ist, demütigen sie sich zusätzlich gegenseitig. So imitieren sie den Fall, dass die Herrin plötzlich hereintritt und die beiden erwischt. Diejenige, die der Situation hilflos ausgesetzt wäre, wird von der Partnerin angespuckt, geschlagen oder zu Boden geworfen. Dabei stört es Madame absolut nicht, dass die Mädchen ihre Kleider tragen und ihre Schminke benutzen, die sie sich so ungeschickt und gierig ins Gesicht schmieren, dass sie wirken wie clowneske Teenie-Girls. Davon, dass diese bereits Mordgedanken gegen sie hegen, ahnt sie nichts. Es kommt ja auch alles nochmal anders als zwischenzeitlich erwartet: Beide planen die Vergiftung der Gebieterin. Paradoxerweise wollen sie aber immer noch deren Leben führen und trinken deshalb das Gift selbst. Als Madame Clair und Solange tot auf dem Boden findet, betrachtet sie sie jedoch so unaufmerksam, dass sie die zwei für Schlafende hält und von dem Selbstmord nichts bemerkt.

Äußerste Unterwerfung

Daumen hoch für diesen inhaltlichen Wendepunkt am Ende, der das Ganze nicht so vorhersehbar macht, wie man anfangs vermutet. Auch die Botschaft ist vorbildhaft: „Verehre niemals ein Idol so sehr, dass du darüber dich selbst vergisst.“ Damit könnte sich die Performance besonders gut an Teenager richten, die noch lernen müssen, sich selbst zu akzeptieren und zu sich zu stehen. Allerdings hätte man alles noch extremer machen können. Es geht um die äußerste Unterwerfung. Ist die wirklich schon erreicht, wenn einem ins Gesicht gespuckt wird? Ob man das auf einer Bühne sehen möchte, ist wiederum eine andere Frage. Und  wieso wollen die Mädchen partout das Äußere von Madame imitieren? Kein Baum besteht nur aus Rinde, auch innere Werte sind erstrebenswert. Das müsste man bei der Teenie-Vorstellung definitiv mit erzählen.