Den Wald trotz lauter Bäumen sehen

In Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, muss man stattdessen vielleicht tanzen. Sara Anjo zeigte bei OUTNOW! ein beeindruckendes Mischwald-Solo.

VON KATHARINA MÜHL I Werden 100 Menschen dazu aufgefordert, mit ihrem Körper einen Baum darzustellen, werden vermutlich mindestens 90 einfach in die Figur des Yoga-Baums gehen. Sara Anjo hat sich genau das in ihrer Performance „Shaped as a Tree“ zur Aufgabe gemacht, greift jedoch nicht einfach auf klassische Tanzfiguren zurück, sondern zeigt eine zeitgenössische Antwort, die viel Platz für eigene Interpretationen der Bilder lässt.

Praktisch umgesetzt sieht es so aus: Während des Einlasses steht die Tänzerin bereits wie verwurzelt in der Mitte der vorderen Bühne. Um sie herum gibt es nichts als schwarz: Schwarze Wände, schwarzer Boden und die schwarze Decke über ihr, von der ein Mikrophon herunter hängt. Als das Licht ausgeht, beginnt sie, ihren Bauch so stark anzuspannen, dass dieser anfangs kaum merklich bebt. Dieses Zittern breitet sich daraufhin schnell über den ganzen Körper aus. Den einzigen Halt bilden ihre Füße, die so fest in den Boden gedrückt werden, dass es aussieht, als seien sie mit ihm verwachsen. So kann Anjo mit dem Oberkörper von rechts nach links schwingen, oder so stark mit den Knien bouncen, wie sie möchte: Sie bewegt sich nicht vom Fleck.

Der heimliche Blick der Bäume

Obwohl es anfangs noch schwierig ist, dieses Bild des Zuckens einzuordnen, erwecken die Bewegungen bald starke Assoziationen. So formiert sich der Oberkörper zu einer Baumkrone, die im Wind hin und her schwingt. Die Arme werden zu Ästen, die im angespannten Zustand an die dürren Zweige einer Buche und im entspannten Schwingmodus an Tannenzweige erinnern. Da während der gesamten Choreographie kein Wort fällt, wird dem Gesicht ein Teil seiner Menschlichkeit entzogen und es beginnt, mit den Baumassoziationen zu verwachsen. So wirkt es unter anderem, als würden die Bäume das Publikum heimlich beobachten, wenn der Blick der Tänzerin von der einen Ecke in die andere schweift.

Neben dem visuellen gibt es eine weitere, akustische Ebene. Zum einen wird das Atmen der Tänzerin durch zwei Mikrophone verstärkt und bildet die rhythmische Grundlage ihrer Bewegungen. Während man hier anfangs nur zwischen der Lautstärke des Atmens unterscheiden kann, entwickeln auch diese Klänge schnell ein Eigenleben.  Bald meint man, bestimmte Wörter wie „Hello“ zu hören, was das Bild von einsamen Bäumen hervorruft, die niemanden erreichen können.

Wie auf einer Lichtung, im Sonnenschein

Als weiterer Effekt werden Geräusche vom Band eingespielt. So gibt es Regenprasseln, Holzknacken und Feuer. All dies demonstriert die Schutzlosigkeit der Bäume, die derartigen Naturgewalten ausgeliefert sind; sie können ja nicht einfach weglaufen. Durch
die starke Schnappatmung der Tänzerin und das ständige Aufbäumen des Körpers, wird dieser Eindruck noch verstärkt. Einmal wirkt es, als wolle ihr Baum-Ego seine Wurzeln aus dem Boden ziehen. Immer wieder geht sie hoch auf die Zehenspitzen, bis sie es schließlich schafft, vom Boden abzuheben und zu springen. Nach der erfolgreichen Entwurzelung endet die Choreographie im Standbild eines Kopfstands inmitten eines Lichtkegels. Übertragen sieht die Figur aus, wie eine große, herausgerissene Wurzel, die im Sonnenschein auf einer Lichtung liegt. Auch wenn der Baum jetzt also befreit ist, kann er sich dennoch nicht bewegen.

Anjo liefert Bilder und erzählt damit jedem Zuschauer eine individuelle Geschichte, je nachdem, womit dieser die Bewegungen assoziiert. Trotzdem bleibt die Grundfrage unbeantwortet, warum dieses Thema des Baumes gewählt worden ist. Weil Bäume faszinierende, kräftige, auch unser Überleben sichernde Naturdinge sind? Weil sie eine so friedliche und beruhigende Wirkung haben, dass manche Menschen sie auch gerne mal umarmen? Was feststeht ist, dass Sara Anjo mit ihrem Tanz zu den wenigen kreativen Menschen gehört, die beim Begriff Baum nicht einfach die Position des typischen Yoga-Baums einnehmen, sondern ihm mit herausragender Fantasie ein emotionales Eigenleben verleihen.