„Antigone kam durch die Konzepttür gewankt“

Die Berliner Performance-Gruppe Hysterische Globusgefühl hat mit “Chaosgeräusche“ dieses Jahr auf dem OUTNOW!-Festival eines der spannendsten, aber auch polarisierendsten Stücke beigesteuert. Utopisches und Politisches hat die Gruppe auch in ihren vorherigen Stücken frei aufgearbeitet. Diesmal haben sie sich gegen den öffentlichen Raum und für einen klassischeren Theaterrahmen entschieden. Sie präsentieren ein durchdachtes, reduziertes Stück, das eine klare Forderung an die Zuschauer richtet. Darüber, über Katharsis von Punk und die unendliche Utopie sprachen drei der sechs Gruppenmitglieder, Dorothea Schmans, Lea-Sophie Schiel und Arne Schirmel, mit dem OUTNOW!-Blog.

 

OUTNOW!-Blog (OB): Antigone oder Punk. An welchem Punkt hat “Chaosgeräusche“ angefangen?

Lea-Sophie Schiel (LS): Eigentlich hat die Arbeit beim Punk angefangen, aber auch als ich Judith Butlers “Antigones Verlangen“ gelesen habe. Sie behandelt die Frage, was aus den feministischen Bewegungen geworden ist, die sich gegen den Staat gerichtet haben. Davon ausgehend dekliniert sie erneut Antigone durch und beschreibt sie als als eine transsexuelle Person, die Genderkonventionen überschreitet. In der Lesart von Butler hat sie eine sexuelle Beziehung zu ihrem Bruder, weswegen sie ihn überhaupt bestattet. Butler legt diesen Inzest als staatsfeindliches Verhalten aus, das fand ich interessant. Dennoch haben wir eigentlich beim Punk angefangen. Antigone kam damit dann sozusagen erst später durch die Konzepttür gewankt.

OB: Seht ihr also Antigone als Punk?

Dorothea Schmans (DS): Unser Gedankengang war anders herum. Wir haben uns gefragt, ob im Punk die Philosophie von Antigone schlummert. Der Chor sagt, sie lebe nach anderen Gesetzen als den von Menschen gemachten und bezeichnet sie als ersten Menschen als autonom. Das haben wir mit Punk in Verbindung gebracht und wollten untersuchen, was in diesem Versprechen, das in dem Leben nach eigenen Gesetzen und Freiheiten, steckt. Und da wir auch in Berlin produziert haben, spielte West Berlin der 80er mit Hausbesetzungen und autonomen Strukturen eine wichtige Rolle. Wir haben so versucht das zu einem Gedankenstrang zusammenzubringen.

Arne Schirmel (AS): Trotzdem untersucht unsere Performance nicht, inwiefern Antigone jetzt Punk ist, oder inwiefern Punk Antigone verkörpert. Wir haben uns eher gefragt, was Punk überhaupt ist und was diese Haltung für uns bedeutet. Wir haben uns auch für Punk entscheiden, weil alle von uns darin eine Faszination gespürt haben, aber sie gleichzeitig auch Problematisch finden. Darum wollten wir uns dem Phänomen aus unterschiedlichen Richtungen annähren und es hinterfragen. Die Erzählung Antigones ist dabei eher als ein Recherchepunkt unter vielen zu Beschreiben, obwohl wir natürlich relativ stringent diese Geschichte durcherzählen.

LS: Antigone ist für uns auch ein Projektionsraum dafür, wie das Gefühl nicht dazuzugehören und keine Heimat zu finden. Antigone habe ich dafür als gute Folie empfunden. 

OB: Während der Performance kann man als Publikum auch eine fast meditative, ritualisierte Wiederholung erfahren, man kreist mit euch mit. Soll die Performance auch heilen oder helfen zu entspannen?

TS: Im Bezug darauf haben wir uns über antikes Theater und dionysisch Rituale Gedanken gemacht. Vielleicht waren sie auch Vorbild, sie versprechen ja auch Heilung. Die Aufforderung, zu gehen, wenn man alles verstanden hat, könnte auch als Aufforderung zur eigenen Katharsis verstanden werden. Aber den bestimmten Gedanken, den alle mitnehmen sollen gibt es nicht. Dieser Heilsgedanke kam selten als Feedback, aber die Zuschauenden verlassen hoffentlich mit einem positiven Gefühl den Raum.

LS: Ja, wir haben uns sehr bewusst viel mit uns selbst beschäftigt. Deswegen haben wir auch konzeptuell wenig über Publikum nachgedacht, sondern über unser Erlebnis. Klar, man könnte diese “ihr seid mit egal“-Haltung gegenüber dem Publikum schon Theaterpunk nennen. Doch man kann es ja nicht ganz wegdenken. Nur die Absicht, dass die Zuschauenden etwas bestimmtes mitnehmen, haben wir sehr offen gehalten.

OB: Für euch als Performende ist der Abend aber auch eine Zerreisprobe, die auch uns als Zuschauende auf die Probe stellt. Wir hätten es in der Hand zu gehen und eurer Performance ein Ende zu setzen. Stattdessen bleibt man über vier Stunden sitzen…

TS: In dem Stück beschäftigen wir uns stark mit eigenen Grenzen, auch überschreiten wir bewusst Grenzen, oder tasten uns nah an sie heran. Zum Beispiel wenn wir in den Bierpool tauchen und uns ablecken oder die sich oft wiederholende Choreographie, das ist kein Spaß, das ist ziemlich eklig. Der Pool ist außerdem sehr kalt. Aber auch dem Publikum von Inzestträumen zu erzählen ist eine krasse gesellschaftliche Grenzerfahrung. Das gilt für beide Seiten, ist aber auch sehr individuelle Grenzerfahrung.

OB: Stichwort Grenzerfahrung: ihr fordert eigentlich das Publikum auf, die Performance eigenmächtig zu verlassen. Dem setzt ihr die Behauptung entgegen, dass das “Chaosgeräusche“ nie zu Ende gehen wird. Existiert für euch trotzdem ein Ziel?

AS: Also unser auf der Bühne formuliertes Ziel, einen unendlichen Song zu spielen, bleibt natürlich unerreicht. Und dieser Aspekt von Unendlichkeit und Unmöglichkeit hat sehr viel mit unserem Utopiebegriff zu tun. Also mit der Frage, ob man sie heute noch denken kann. Utopie bleibt eine ewige Suche, eine ewige Behauptung, darum stirbt “unsere“ Antigone ja auch nicht. Darum nähern wir uns nur kreisend diesem unerreichbaren Punkt, deswegen haben wir uns auch für diese Form der ‚unendlichen’ Performance entschieden. Natürlich sagen wir: “Geht wenn ihr es verstanden habt.“ Aber wir glauben nicht, dass man guten Gewissens je an diesen Punkt, den wir fordern, kommen könnte. Das ist aber auch gleichzeitig vielleicht die Erfahrung, die wir versuchen dem Publikum anzubieten.

LS: Wenn man von vermitteln sprechen will kann mit dieser nicht eingelösten Behauptung dieses Gefühl, einem Chaosraum im eigenen Kopf, geschaffen werden, in dem auch ganz andere Möglichkeiten durchdacht werden können. Denn die Zuschauenden gehen und wissen, dass sie etwas verpassen. Damit kann man im Kopf der Leute einen kleines Kopftheater öffnen. Deswegen finde ich der Erzählung so spannend, weil sie unendlich ist und gleichzeitig eine uneinlösbare Behauptung. Die Aussage, es gibt immer die Möglichkeit Chaos zu machen, obwohl es sie vielleicht nicht immer gibt.

Die Fragen stellten Katja Zellweger und Eva Steffgen.