Antigone im Aerobic-Kurs

Das OUTNOW!-Festival eröffnete mit geballter Weiblichkeit und einem beherzten „Fuck you!“ gegen den männlichen Blick. Ein Auftakt, der Fragen hinterließ.

VON ARNE SCHÜTTLER I Die niederländische Auftaktinszenierung des diesjährigen OUTNOW!-Festivals gestaltet sich eindringlich körperlich. In „Let Me Be Your Hero, Baby“ arbeiten die fünf Performerinnen Luca Bryssinck, Annica Muller, Henke Tuinstra, Maxime Vandommele und Birgit Welink gegen eine von Patriarchat und männlichem Blick bestimmte Weiblichkeit und sich selbst gleichzeitig daran ab. Thematische Rahmung findet das Unterfangen in der während des Abends wiederholt zitierten Antigone-Tragödie, dem antiken Sophokles-Stück über eine Frau, die sich ihren Prinzipien folgend dem herrschenden männlichen Ordnungssystem widersetzt und in der letzten Konsequenz dafür in den Tod getrieben wird.

Reglos, wie tot und zufällig verstreut liegen die Performerinnen anfangs auf einem aus Kieseln aufgeschütteten Kreis, der das Zentrum des weiten, abgedunkelten Bühnenraums bildet. Langsam erwachen sie, es kehrt Leben ein. Die Frauen erheben sich und singend ihre Stimmen. Nach und nach entfalten sie durch chorisch choreografiertes Spielen und Sprechen eine assoziativ-apokalyptische Welt voller Brutalität und misogynen Posen, in denen sich der Zeitgeist erschreckend spiegelt. Über den Text von Lisanne van Aert entwickeln sie Untergangs- und Heilsszenarien, Fiktionen von der Frau als autoritärer Heldinnenfigur, als Retterin in der Not und Bilder von fröhlicher Selbstunterwerfung im Zeichen des Körper- und Fitnesskults.

Beherztes „Fuck you!“

Die Sprache dieser Attraktivitätsoptimierung ist neoliberales Reklamephrasen-Englisch: „Do it! Just do it!“ Immer wieder durchbrechen die Slogans den sonst auf Niederländisch verfassten Text. Eindrücklich ist dabei der Körpereinsatz der Performerinnen, der dieser Sprache weitere Wucht verleiht. Mit provozierend gerecktem Kinn und breitbeiniger Machoattitüde karikieren sie ein Männlichkeitsverständnis, das auf der anderen Seite Weiblichkeit mit Opfersein und Aufopferungsbereitschaft gleichsetzt. In einer mit gezwungen-fröhlichem Gesicht durchgeführten Fitnesschoreografie fügen sich die Frauen sodann ihrem Schicksal, nicht ohne das Ganze schließlich mit einem beherzten „Fuck you!“ zu unterlaufen.

Identisch gekleidet mit weißen Schuhen, Unterhosen und bauchfreien Tops exerzieren sie sexualisierte Weiblichkeitsposen. Wie bizarr das ist, legt die Ausblendung des üblichen popkommerziell-medialen Kontextes bloß. Die fast nackten Performerinnen überführen so zwar den männlich-sexualisierten Blick auf die Frau, machen sich gleichzeitig aber auch zu den Angeblickten. Ironisch-subversive Unterwanderung oder unauflöslicher Widerspruch? Die Inszenierung zielt auf Ersteres, stößt darüber hinaus aber in ihrem Assoziationsreichtum und ihrer Intensität viele weitere Fragen an.